Bevorzugen Wasserpflanzen Nitrat oder Ammonium als Stickstoffquelle?
Oder
Zitierwettstreit mit AquaRichtig

AquaRichtig beharrt im Beitrag Dennis Furmanek www.aquarichtiger.de Reduzierung von Ammonium zu Nitrat weiter auf der Behauptung, Pflanzen würden Nitrat über Ammonium als Stickstoffquelle bevorzugen. Für die gesamte Pflanzenwelt mag dies global betrachtet auch so stehen können. Da wir uns aber im Zusammenhang Aquaristik bewegen, geht es letztlich um Aquarienpflanzen beziehungsweise Wasserpflanzen. Die Frage muss daher auch im Hinblick auf diesen Zusammenhang formuliert und erörtert werden. Nicht zuletzt steht auch noch die Frage der Stickstoff-Darreichungsform als Nitrat, Ammonium oder Harnstoff zur Düngung von Aquarienpflanzen im Raum.

Googeln oder allgemein Internetrecherche ist für AquaRichtig anscheinend böse. Was wäre denn genehem? Ganz klassisch, mit Karteikarten in der Bibliothek? Schneeballsystem durch nachverfolgung der Bibliografie eines Ursprungswerks? Setzt man bei AquaRichtig vielleicht auf göttliche Offenbarung als Informationweg?

Das könnte zumindest erklären, warum bei AquaRichtig Ammonium zu Nitrat reduziert wird. Nicht umgekehrt, wie in der echten Chemie. Das weiß man zwar, aber schreibt halt einfach das Gegenteil, íst vielleicht eine Stilfrage. Oder auch, dass bei AquaRichtig Nitrat irgendwie für irgendwelse Prozesse essentiell (oder doch nur wichtig?) für Pflanzen ist. Genau erklären, sodass der Leser es auch versteht oder erkennen kann, was konkret gemeint ist, kann man aber offenbar nicht. Ist der Draht nach oben vielleicht doch nicht so gut? Atmosphärische Störungen? Wie dem auch sei.

AquaRichtig zitiert sowohl aus Schulze et al. (2002) als auch das deutsche Webportal zur Pflanzenforschung, um die eigene Überzeugung zu untermauern. Keine der beiden Quellen und zitierten Passagen ist aber als Beleg für die Kernfrage einschlägig, weil sie auf die spezielle Fragestellung der Stickstoff-Präferenz von Wasserpflanzen gar nicht eingehen und dies auch gar nicht ihr Ziel und Zweck ist. Die als Belege herangezogenen Textstellen führen in der Sache nicht zum Erfolg, weil sie sich bei genauerer Betrachtung in diesem Hinblick als eindimensional entlarven und den Sachverhalt einseitig darstellen.

Dir Art und weise der Quellenwahl von AquaRichtig zeigt aber, wie wichtig Textkompetenz und Quellenkritik ist. Dazu gehört nicht nur das Leseverstehen selbst, sondern auch die Einordnung und Beurteilung eines Textes als Informationsquelle oder Belegstelle für einen bestimmten Zweck. Dazu gehören auch die außertextlichen Merkmale von Zielgruppe (für wen wurde der Text geschrieben?), Autor (wer hat den Text geschrieben?), Puplikationort (wo wurde der Text veröffentlicht?) und -zweck (wozu wurde der Text veröffentlicht, was soll er bewirken?).

Demgegenüber stehen zahllose Publikationen der wissenschaftlichen Primär- und Sekundärliteratur, die auch konkret auf die spezielle Fragestellung der Stickstoff-Präferenz von Wasserpflanzen eingehen und auch artspezifisch experimentell erörtern. So untersuchen Fang et al. die Präferenz der Schwimmpflanze Landoltia punctata:

L. punctata plants preferred to take up NH4+ over NO3− when both N sources were available. […]Landoltia punctata plants take up nitrogen by both roots and fronds. When both sources of N are available, plants prefer to take up NH4+, but will take up NO3− when it is the only N source.“

[Ammonium and Nitrate Uptake by the Floating Plant Landoltia punctata]

Feijoó et al. (2002) fassen in folgendem Wortlaut zusammen:

E. densa shows a preference for ammonium
over nitrate.[…]A preference for ammonium over nitrate has
also been observed in other submerged macrophytes,
such as Ceratophyllum demersum[…] and Myriophyllum spicatum“.

Nutrient Absorption by the Submerged Macrophyte Egeria densa Planch.: Effect of Ammonium and Phosphorus Availability in the Water Column on Growth and Nutrient Uptake

Walstad (2017) zeichnet ein sehr ausführliches und differenziertes Bild und listet eine Reihe Wasserpflanzenarten nach ihrer Stickstoffquellen-Präferenz auf, die Kernaussage bleibt aber dieselbe:

„[…]aquatic plants vastly prefer ammonium over nitrates as their N source“.

[Nitrogen uptake by aquatic plants]

Grundsätzlich ist die Sachlage weitaus differenzierter, als man bei AquaRichtigdiese Diskussion zeigt.

Eine interessante Frage ist, ob die aquarichtigsche Behauptung auch für solche Pflanzenarten gilt, die mit Hilfe symbiotischer Mikroorganismen Luftstickstoff nutzen können. Die Mikroorganismen fixieren den Luftstickstoff N2 in Form von Ammonium und geben es an die Gastpflanze weiter. Solche Pflanzen wachsen auch bei Abwesenheit von Nitrat.

Ich will nicht behaupten, dass dies der Weisheit letzter Schluss ist oder es überhaupt möglich ist, eine absolut gültige Antwort in der Form „alle bevorzugen Nitrat“ oder „alle bevorzugen Ammonium“ auf die Eingangsfrage zu geben. Wahrscheinlich nicht. Im Mindestesten zeichnet sich für diese konkrete Fragestellung aber eine bestimmte Tendenz und auch für die gesamte Pflanzenwelt ein deutlich komplexeres und differenzierteres Bild, als man es bei AquaRichtig für wahr haben will.

Nitrat ist essentiell für (Wasser)pflanzen, außer für Schwimmpflanzen (Pleustophyten)…

meint man zumindest bei AquaRichtig. Begründen kann oder tut man das allerdings nicht. Es ist auch nicht plausibel. Zudem sind dann wohl alle Wasserpflanzenarten für die experimentell Ammonium-Präferenz belegt ist, Schwimmpflanzen [vergl. Tabelle 1 bei Walstad (2017)]. So wie die Dichte Wasserpest Egeria densa, oder das Raue Hornblatt Ceratophyllum demersum oder das Eurasische Tausendblatt Myriophyllum spicatum? Das dürften auch nach dem speziellen aquarichtigschen Verständnis alles Wasserpflanzen sein.

AquaRichtig meint zudem, dass es auf die Beurteilung eines richtigen Biologen und Botanikers hinaus laufen wird. Was glaubt man eigentlich, wer die zitierten – und nicht nur diese – Paper verfasst? Glaubt man, dass jeder x-beliebige Biologe jede Spezialfrage der zahlreichen biologischen Disziplinen und Forschungsfelder fundiert beantworten kann?

Belegstellen, weiterführende Literatur und externe Links

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