AquaRichtigs gesammelter Unsinn über …
Trinkwasser-Grenzwerte

Auch zur historischen Entwicklung der gesetzlichen Grenzwerte für die Trinkwasserqualität in Deutschland gibt es bei AquaRichtig Interessantes zu lesen:

„Zu denken geben sollte, dass die Grenzwerte unseres Trinkwassers immer höher gesetzt werden und mehr als bedenklich sind. Hier das Nitrat mit einem Grenzwert von bis 50 mg/l, der oft schon weit darüber liegt. Oder der Leitwert des Wassers mit bis zu unglaublichen 2790 µS“.

AquaRichtig: [Trink-Wasser, Leitungs-Wasser eine Gefahr für das Aquarium und die Fische]

Wie genau die historische Entwicklung der Grenzwerte einzelner chemischer und physikalischer Parameter wie der Nitrat-Konzentration oder der elektrischen Leitfähigkeit im Trinkwasser in Deutschland ist, verrät man bei AquaRichtig wie gewohnt nicht. Über andere Parameter, deren Grenzwerte angeblich immer höher gesetzt werden, lässt man sich nicht konkret aus. Belegstellen oder Literaturverweise gibt es wie gewohnt ebenfalls nicht. Maßgeblich für die Reglementierung der Trinkwasserqualität in Deutschland ist die Trinkwasserverordnung beziehungsweise deren Vorläufer. Da die Parameter Nitrat und elektrische Leitfähigkeit konkret angesprochen werden, werde ich mich exemplarisch mit diesen auseinandersetzen. Das Augenmerk liegt dabei auf der Verwendung als Aquarienwasser.

Historie der Rechtsnormen für die Trinkwasserqualität in Deutschland

  • 1900 Reichsseuchengesetz
  • 1934 Gesetz über die Vereinheitlichung des Gesundheitswesens
  • 1959 Trinkwasser-Aufbereitungsverordnung tritt in Kraft
  • 1961 Bundesseuchengesetz (BSeuchenG)
  • 1976 Trinkwasserverordnung tritt in Kraft
  • 1979 Neufassung des BSeuchG
  • 1980 EG-Trinkwasserrichtlinie
  • 1986 1. Novelle der Trinkwasserverordnung tritt in Kraft
  • 1990 2. Novelle der Trinkwasserverordnung tritt in Kraft
  • 1998 RICHTLINIE 98/83/EG DES RATES vom 3. November 1998 über die Qualität von Wasser für den menschlichen Gebrauch
  • 2000 Das Infektionsschutzgesetz (IfSG) löst das Bundesseuchengesetz ab
  • 2001 3.Novelle der Trinkwasserverordnung tritt in Kraft
  • 2002 EG-“Lebensmittelverordnung“ 178/2002
  • 2011 1. Verordnung zur Änderung der Trinkwasserverordnung
  • 2012 2. Verordnung zur Änderung der Trinkwasserverordnung
  • 2013 EURATOM-Richtlinie 2013/51/Euratom (Radioaktive Stoffe im Trinkwasser) tritt in Kraft

historische Entwicklung des Grenzwertes für Nitrat im Trinkwasser in Deutschland

Bei der Erstauflage der Trinkwasserverordnung vom 31.01.1975 lag der Grenzwert für Nitrat im Trinkwasser bei 90 mg/l. Bis dahin gab es weder Grenzwerte für chemische Parameter im Trinkwasser noch eine spezifische rechtliche Regelung der Trinkwasserqualität. Bei der Novelle im Jahre 1986 wurde der Grenzwert auf 50 mg/l gesenkt. In der derzeit gültigen Fasssung der Trinkwasserverordnung einschließlich der letzten Änderung vom 03.01.2018 beträgt der Grenzwert für Nitrat im Trinkwasser weiterhin 50 mg/l. Für den Parameter Nitrat gibt es daher keinerlei tatsächliche Anknüpfungspunkte für die Behauptung, der Grenzwert sei immer höher gesetzt worden.

historische Entwicklung des Grenzwertes für die elektrische Leitfähigkeit im deutschen Trinkwasser

Der Grezwert für die elektrische Leitfähigkeit wurde tatsächlich von ursprünglich 2000 µS/cm in der Neufassung der Trinkwasserverordnung vom 22.05.1986 über 2500 in der 3. Novelle von 2001 durch die 1. Verordnung zur Änderung der Trinkwasserverordnung 2011 auf 2790 µS/cm angehoben. Dabei verschweigt man aber, dass bei der bis dato letzten Änderung die Referenztemperatur ebenfalls von 20° C auf 25° C angehoben wurde. Beide Werte mit ihrer entsprechenden Referenztemperatur gelten parallel und auch Messungen bei anderen Temperaturen sind zulässig. Da sich die Leitfähigkeit proportional zur Temperatur verhält, hat sich an der zugrunde liegenden Zusammensetzung des Trinkwassers nichts geändert. Ein Wasser, das bei 20° C eine elektrische Leitfähigkeit von 2500 µS/cm aufweist, weist bei 25° C eine elektrische Leitfähigkeit von 2790 µS/cm auf. Der Grenzwert ist also praktisch unverändert.

Es drängt sich zudem die Frage auf, ob ein Wasser überhaupt den Grenzwert für den Indikatorparameter elektrische Leitfähigkeit ausreizen kann, ohne vorher andere Grenzwerte chemischer Parameter der Trinkwasserverordnung zu überschreiten. Selbst außerordentlich harte Trinkwasser wie das des Versorgungsgebietes Hochbehälter Galgenberg in Würzburg mit einer Gesamthärte von über 40° GH, weist eine elektrische Leitfähigkeit von „lediglich“ knapp 1300 µS/cm bei 25°C auf.

Leitfähigkeits-Geschwurbel

AquaRichtig führt zum Grenzwert für die elektrische Leitfähigkeit im deutschen Trinkwasser fort und verweist auf die mittlerweile nicht mehr betriebene Wasser-Hokuspokus-Seite http://wasser-infos.com von Christoph Fluri-Heckenbücker:

„Nicht ohne Grund liegt der Grenzwert nach der EU-Richtlinie bei 400 µs und der Wert der WHO bei 700 µs – siehe Tabelle im Link unten“

Mit der EU-Richtlinie ist wahrscheinlich die „RICHTLINIE DES RATES vom 15. Juli 1980 über die Qualität von Wasser für den menschlichen Gebrauch (80/778/EWG)“ gemeint. Die zitierten 400 µS/cm finden sich dabei in der Tabelle „PHYSIKALISCH-CHEMISCHE PARAMETER (in Verbindung mit der natürlichen Zusammensetzung des Wassers)“ als Richtwert mit dem Hinweis Entsprechend der Mineralisierung des Wassers. Ein Grenzwert wird in der Richtlinie für die elektrische Leitfähigkeit nicht genannt. Einen EU-Grenzwert für die elektrische Leitfähigkeit von Trinkwasser von 400 µS/cm gibt es somit gar nicht.

Fluri-Heckenbücker behauptet, der Grenzwert für die elektrische Leitfähigkeit des Trinkwassers in Deutschland habe bis 1963 130 µS/cm betragen, sei dann 1990 auf 1000 µS/cm angehoben worden, um dann weiter auf 2000, 2500 und 2790 µS/cm angehoben zu werden. Belastbare Quellen, aus denen sich die Zahlenwerte 130 µS/cm und 1000 µS/cm als Grenzwert für die elektrische Leitfähigkeit im Trinkwasser entnehmen lassen, gibt es aber offenbar nicht. Tatsächlich lässt sich auch bei gründlicher Recherche keinerlei Rechtsnorm finden, die bis 1963 einen Grenzwert von 130 µS/cm oder einen bis 1990 gültigen Grenzwert von 1000 µS/cm belegen. Die Zahlenwerte werden auch auf zahlreichen andere Wasser-Hokus-Pokus-Seiten kolportiert. Belastbare Quellen, denen diese entnommen sind, findet man dagegen nicht.

Tatsächlich wurde für die elektrische Leitfähigkeit bei der Aufnahme in die Regularien der Trinkwasserverordnung 1986 ein Grenzwert von 2000 µS/cm bei 25° C festgelegt. Dieser wurde zur Umsetzung der EU-Trinkwasserrichtline von 1998 in der Fassung der Trinkwasserverordnung von 2003 in nationales Recht umgesetzt.

Ebenso lässt sich in Veröffentlichungen der WHO kein Grenzwert von 700 µS/cm für Trinkwasser finden. Im Gegenteil, die WHO-Publikation Hardness in Drinking-water, die verschiedene epedimiologische Studien zitiert, legt den Schluss eines positiven Effekts der Wasserhärte auf Herzerkrankungen nahe. Da Wasserhärte und elektrische Leitfähigkeit miteinander korrellieren, sind härte Trinkwässer regelmäßig auch solche mit höherer Leitfähigkeit.

Fluri-Heckenbücker kolportiert wie auch AquaRichtig die wissenschaftlich nicht haltbaren Behauptungen von Loius-Claude Vincent über angebliche negative Auswirkung von Trinkwasser mit hoher elektrischer Leitfähigkeit auf die menschliche Gesundheit. Bei AquaRichtig hat man diese bemüht. Im akademischen Diskurs sucht man vergeblich nach Publikationen, die derartige Behauptungen zur elektrischen Leitfähigkeit eines Trinkwassers stützen.

Interessant ist auch die Fluri-Heckenbücker zu findende Behauptung, Deutschland habe Platz 56 bei sauberen Trinkwasser in der Reihe mit Dritteweltländer im Kyoto Protokoll belegt. Das Koyoto-Protokoll ist ein 1997 beschlossenes Protokoll zur Ausgestaltung der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen mit dem Ziel des Klimaschutzes und hat mit Trinkwasser rein gar nichts zu tun.

Gemeint ist dabei aber vermutlich der UNESCO Weltwasserbericht des Jahres 2003. Hier wurde aber keinesfalls die Trinkwasserqualität der 122 Staaten, sondern die generelle Versorgungslage mit sauberem Trinkwasser in den einzelnen Staaten als auch die tatsächliche und potenzielle Gefährdungslage der Trinkwasserreservoire (also u. a. der Oberflächengewässer und Grundwasserleiter, aus denen Trinkwasser gewonnen wird) für Verunreinigungen bewertet, beispielsweise durch unzureichende Klärung von Abwässern oder Düngereintrag aus der Landwirtschaft. Industrialisierte Staaten mit hoher Bevölkerungsdichte, intensiver Land- und Viehwirtschaft und dazu relativ kleinen Trinkwasserresourcen wie Deutschland, schneiden dabei denknotwendig schlechter ab, als Subsistenz-Agrarstaaten oder Staaten mit geringer Bevölkerungsdichte und großen Trinkwasserreserven wie Kanada. Aufgrund weitgreifender Kritik an Methode und Darstellung der Veröffentlichung wurde sie von der WHO zurückgezogen. Ob derart irreführende Falschdarstellungen aus Böswilligkeit, weltanschaulicher Dogmatik oder Dummheit erfolgen, kann man nach eigenem Gusto beurteilen.

Fazit

Zusammengefasst kann man nur zur Aussage gelangen, dass die Anforderungen an die Trinkwasserqualität in Deutschland im Laufe der Zeit immer strenger geworden sind. Die Fakten sprechen eindeutig gegen die suggerierte Behauptung, die Grenzwerte würden an eine abnehmende Trinkwasserqualität angepasst und immer weiter angehoben. Hier werden von AquaRichtig erneut ungeprüft Behauptungen übernommen, die in der Gesamtschau jeder tatsächlichen Grundlage entbehren.

Nachtrag

AquaRichtig hat den Wink mit dem Zaunpfahl wohl nicht erkannt und vermengt in der Replik weiterhin unbeirrt Trinkwasser und Grundwasser. AquaRichtig behauptet:

Unser Trinkwasser ist nach Malta in der EU das am meisten mit Nitrat belastete Trinkwasser überhaupt

und zitiert danach diesen Beitag als Belegstelle:

Schon jetzt hat Deutschland (neben Malta) bei Nitrat im Grundwasser die zweithöchste Belastung in der EU[…]

Merkste selbst, oder? Bei AquaRichtig offenkundig nicht.

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