AquaRichtig über…
Gesundheitsgefahren durch Nitrat im deutschen Trinkwasser

Bei AquaRichtig behauptet man, dass Tausende […] mit Brunnenwasser versorgt [werden] und da gibt es Werte von 80 mg/l oder mehr. Für Millionen andere, die ihr Trinkwasser aus dem öffentlichen Trinkwassernetz erhalten – und nicht etwa wie offenbar im beschriebenen Fall aus einer Klein- oder Eigenwasserversorgungsanlage –, trifft das aber nicht zu. In Deutschland werden < 1 Millionen Menschen von Klein- und Eigenwasserversorgungsanlagen mit Trinkwasser versorgt. Das ist also grob etwa 1% der Bevölkerung. Selbst von diesen dürfte nur ein Bruchteil Trinkwasser mit einem Nitratgehalt > 50 mg/l erhalten. Sogar dann, wenn der Gehalt im Rohwasser höher ist.

Wenn beispielsweise ein einsamer Bauernhof in der Uckermark sein Trinkwasser aus einer Eigenwasserversorgungsanlage bezieht, wo praktisch unbehandeltes Grundwasser als Trinkwasser verwendet wird und gleichzeitig eine entsprechende Ausnahmegenehmigung ob der Überschreitung des Grenzwertes für den Nitratgehalt um 30 mg/l vorliegt, dann mag das so sein. Vergleichbare Fälle mag es auch zahlreich geben. Daraus aber sinngemäß die Behauptung abzuleiten, der Grenzwert für Nitrat im deutschen Trinkwasser würde flächendeckend überschritten und der Grenzwert sei im Laufe der Zeit immer weiter angehoben worden, ist schlicht unhaltbarer Unsinn. Behauptung und Faktenlage passen nicht zusammen.

Man formuliert nämlich auch hier bei AquaRichtig allgemeingültige Aussagen, bei denen dann im Laufe der Zeit aber zwischen den Zeilen herauskommt, dass dies so doch nur auf wenige Ausnahmen zutrifft. Wie bei den Wasserpflanzen ohne Spaltöffnungen.

Darüber, ob der Grenzwert von 50 mg/l viel zu hoch und gesundheitsschädlich ist kann man diskutieren. In wie weit die referierte dänische Studie und ihre Ergebnisse stichhaltig sind, bedarf einer kritischen Betrachtung. Dazu bedarf es eines Blickes auf die Rezeption der Studie beziehungsweise der Fragestellung in der Fachwelt, beispielsweise in entsprechenden Review-Artikeln zum Thema. Die wichtigste Kernaussage darin ist die folgende:

„In summary, most adverse health effects related to drinking water nitrate are likely due to a
combination of high nitrate ingestion and factors that increase endogenous nitrosation. […] To date, the number of well-designed studies of individual health outcomes is still too few to draw firm conclusions about risk from drinking water nitrate ingestion“.

Ward et al. (2018): Drinking Water Nitrate and Human Health: An Updated Review. In: International Journal of Environmental Research and Public Health

Denn es gibt auch schlecht gemachte Studien. Einzelne Studien mit genehmen Ergebnissen herauszugreifen, die aber nicht den wissenschaftlichen Konsens widerpiegeln, ist irreführend. Epidemiologische Daten können nämlich von zahlreichen Faktoren beeinflusst werden. Ob das erhöhte Darmkrebsrisiko sich tatsächlich ursächlich aus dem Nitratgehalt im Trinkwasser speist, ist nämlich eine wichtige Frage. Der Mensch nimmt ohnehin das meiste Nitrat über die Nahrung und nicht über das Trinkwasser auf. So spielen die Zusammensetzung der Nahrung, die Gesamtaufnahme von Nitrat, der Anteil von Trinkwasser daran, eventuelle genetische Prädispositionen und andere Faktoren eine Rolle. Außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnlich gute Belege. Die Datenlage ist aber insgesamt zu uneindeutig und auch vielschichtig, um eine derart starke, eintönige Behauptung zu tragen, wie man sie bei AquaRichtig aufstellt. Interessant ist auch, dass man wieder Quellen aus dem unteren Bereich der Hirarchie bemüht, statt die heranzuziehen. So verweist man auch lieber auf eine Drittpartei, statt auf die Trinkwasseranalyse meines Trinkwasserversorgers, um die Trinkwasserqualität in Duisburg einzubringen.

Die WHO spricht diesbezüglich auch von significant uncertainties in epidemiological data, also bedeutenden Unsicherheiten in den epidemiologischen Daten. Es gibt einerseits Daten, die bestimmte Trends zwischen dem Nitratgehalt im Trinkwasser und der Häufigkeit bestimmter Krebsarten nahelegen, andere tun dies aber wieder nicht. So klar wie man es bei AquaRichtig gern hätte, ist die Angelegenheit also nicht.

Besagte dänische Studie ist aber weder ein Beleg für die Behauptung einer flächendeckenden Überschreitung des geltendes Grenzwertes für Nitrat im deutschen Trinkwasser von 50 mg/l noch dafür, dass besagter Grenzwert immer weiter angehoben worden sei. Tatsächlich wurde der Grenzwert von ursprünglich 90 mg/l in der Novelle der Trinkwasserverodnung von 1986 auf den weiterhin geltenden Grenzwert von 50 mg/l gesenkt. Ebensowenig belegt die Nitratbelastung des Grundwassers, dass dies gleichermaßen auch für das Trinkwasser gilt. Und nein, Deutschland hat immer noch nicht die schlechteste Trinkwasserqualität in der EU nach Malta.

Nachtrag

Offenbar meint man bei AquaRichtig, dass der Umstand, dass 10% der bundesdeutschen Bevölkerung einen Nitratgehalt >37,5 mg/l im Trinkwasser haben, ein Beweis für die Behauptung der flächendeckenden Überschreitung des Grenzwertes von 50 mg/l und dessen sukzessive Anhebung sei. Auf den Handlanger wird hier übrigens deshalb nicht eingegangen, weil das Thema dieses Beitrages entsprechend seiner Überschrift „AquaRichtig über… Gesundheitsgefahren durch Nitrat im deutschen Trinkwasser“ lautet. Es mag bei AquaRichtig zwar unbekannt sein, aber für gewöhnlich entsprechen sich Inhalt und Titel eines Textes. Bei AquaRichtig sieht man das aber augenscheinlich anders. Bei AquaRichtig hat man zudem offenbar noch viel mehr Aua als ich, da man sich auf ein derart niedriges Niveau begeben muss. Aber was will man machen, wenn man Fantasie und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden kann. Da sage ich immernoch: Zeigen! Ansonsten: Selbst wenn ich als Obdachloser unter der Brücke pennen würde, wäre der Käse, den man bei AquaRichtig behauptet, immer noch derselbe Käse. Wenn es bei AquaRichtig so weiter geht, ist die Vorschau bald länger als der eigentliche Text mit dem schwachsinnigen Kasperletheater auf www.aquarichtig.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Comments links could be nofollow free.